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Insektenfresser im Winter |
ornis 6/13 Birdlife Schweiz |
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Gibt es Vogelarten, die bei uns überwintern und sich ganzjährig nur von Insekten und anderen Gliedertieren ernähren?
Just der Winzling unter den Vögeln harrt auch während der strengsten Winterzeit bei uns aus und ernährt sich konsequent von kleinen Gliedertieren. Es ist das nur gut fünf Gramm schwere Wintergoldhähnchen, das eine wahre Meisterleistung vollbringt. Baumläufer, Schwanzmeise und Zaunkönig ernähren sich ebenfalls von Insekten und Spinnen, doch gelegentlich naschen sie auch Sämereien. Auch alle bei uns überwinternden Spechte passen ihren Speisezettel an und picken ab und zu Nüsse, Beeren, Eicheln oder andere Samen. Einzig die Wasseramsel schafft es ebenfalls, sich ganzjährig von Gliedertieren zu ernähren.
Wintergoldhähnchen haben sich auf eine Nahrungsnische spezialisiert, die trotz Minustemperaturen genügend reichhaltig ist: das dichte Geäst von Fichten. Hier überwintern Springschwänze, Pflanzenläuse, Zikaden, Fliegen, Mücken, Käfer, Schmetterlinge und kleine Spinnen. Diese werden vom Wintergoldhähnchen systematisch aufgespürt und gefressen. Hierfür hüpft es den Zweigunterseiten entlang, schwirrt an hängenden Zweigspitzen oder schlüpft durch dichtes Astgewirr. So verbringt der emsige Zwerg unter den Vögeln über 90% der hellen Tageszeit mit Fressen. Er muss täglich mindestens sein eigenes Körpergewicht an Nahrung aufnehmen, damit er die kalten Winternächte überleben kann. Nördlichere Wintergoldhähnchen ziehen im Winter in Richtung Süden, vermutlich nicht wegen Nahrungsmangel, sondern weil die Tage für die Nahrungssuche zu kurz sind.
Aus Ornis 6/13, Magazin des Schweizer Vogelschutzes SVS/BirdLife Schweiz |